Herbsttour auf der Hamme

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Die Abendsonne stand bereits tief im Westen, als wir die „Jochen Schink“ aufs Wasser ließen. Jede Minute dieses frühherbstlichen, milden Septemberabends war uns zu kostbar, um sie am Steg zu vertrödeln. Deshalb verloren wir an diesem Abend beim Einlegen der Skulls und des hölzernen Schwerts keine Zeit. Die Damen-Mannschaft unseres Doppelvierers für die bevorstehende Hamburg-Regatta stand erwartungsfroh am Steg. Als unsere Trainerin Brigitte das Kommando zum Einsteigen gegeben hatte, ging es los. Jenny, unsere große blonde Schlagfrau, die vor dem Steuerplatz im Heck saß, legte los. Katrin, ich und Christine folgten in Bruchteilen von Sekunden. Wir ruderten unter der Autobrücke hindurch. Das Clubhaus verschwand ebenso aus meinen Augen wie die Erlebnisse dieses chaotischen Dienstags.

Nachdem wir während eines kurzen Halts auf dem Wasser unsere Stemmbrett-Positionen und Dollenhöhen eingestellt hatten, konnte das Training beginnen. Unser Ziel war es, den absoluten Gleichklang aller Schlagabläufe zu finden. Eine schwierige Aufgabe, die jede Mühe wert war! Wir hatten unser Ziel fest im
Blick: Ein gleitender Vortrieb, der nicht durch Ruckelbewegungen oder eine schiefe Wasserlage gestört werden sollte! Daran würde die gesamte Mannschaft auf den folgenden fünfzehn Kilometern arbeiten. Ich hatte längst gelernt, dass Technik und Gleichklang unter einem zu zackigen Losrudern am Anfang der Einheit leiden kann. Unsere Trainerin würde uns deshalb zunächst nur auf halber Rollbahn rudern lassen. „In die Rücklage!“, rief Brigitte vom Steuerplatz. Wir starteten aus der Position des Endzugs mit unseren ins Wasser gesteckten Blättern. Jede einzelne Athletin registrierte dabei ihre persönliche Arbeitshöhe im Boot. Die Konzentration auf den ersten gemeinsamen Start des Abends wurde greifbar. „Und los!“ Mit Druck auf den Innenhebeln hob unsere Schlagfrau die Skulls aus dem Wasser und führte sie in einer fließenden Bewegung nach hinten. Katrin, Christine und ich taten gleichzeitig dasselbe. Die „Schink“ nahm langsam an Fahrt auf. Wir verlängerten den Wasserweg unserer Skulls Stück für Stück über eine dreiviertel Rollbahn bis zur gesamten Rollbahnlänge und feilten unaufhaltsam am Gleichklang unserer Bewegungen. Das Boot wurde schneller und unsere Bewegungen immer harmonischer und fließender.

Die schräg stehende Sonne funkelte auf dem Wasser. Ich musste blinzeln, so sehr trafen ihre goldenen Strahlen meine Augen. Sofort wurden meine Erinnerungen an heiße Sommertage wieder wach, die ich so sehr liebe. Vom Sommer Abschied zu nehmen, ist für mich jedes Mal so schwer, als müsste ich mich viel zu lange Zeit von einem geliebten Menschen trennen. Allein die ersten Zeichen des Herbstes versetzen mir an manchen Tagen einen Stich. Doch an diesem Abend genoss ich einfach das strahlende Licht dieses Sonnenuntergangs auf der Hamme. Ich bin mir sicher, dass es meiner Mannschaft ebenso ging. Schließlich waren wir weit mehr als vier einzelne Frauen in diesem Doppelvierer – wir waren eine Einheit – im absoluten Gleichklang unserer Arme, Beine, Schultern, Köpfe und Hände. Warum sollte das Empfinden in solchen Momenten auch grundverschieden sein, wenn man dieser rudersportlichen Logik folgt?

Das Wasser war so glatt wie ein dunkles Seidentuch. Das Boot schnitt hindurch und hinterließ hinter dem Heck eine geteilte Wasserschneise, die sich später – als wir längst außer Sichtweite sein würden wieder zu einer ruhigen, ganzen Fläche zusammenziehen würde. Auf Steuerbord und Backbord zirkulierten die Abdruckstellen unserer Blätter. An ihnen konnte ich gut die Energie erahnen, die wir im Zusammenspiel unserer Körpermuskulatur produziert hatten und die das Boot mit jedem Ruderschlag nach vorne schnellen ließ. Auf den Durchzug folgte die Gleitphase: Das Wichtigste und Schwerste zugleich ist die hintere Schlagumkehr, durch die unsere Hände nach dem Endzug zügig Richtung Heck zu den Knien geführt werden müssen, bevor wir sanft und im perfekten Gleichklang zum Setzen des nächsten Schlages anrollen dürfen. Keine Pause und kein Kippeln solle die Balance unseres Bootes stören. Alle Konzentration liegt auf dem linearen Gleiten.

Auf Backbord schnatterte eine Ente und setzte zum Wasserstart an. Ihr Schnattern klang verärgert. Wahrscheinlich hatte sie nicht mit der Geschwindigkeit unseres herannahenden Bootes gerechnet. Wir durchfuhren die Fußgängerbrücke hinter „Melchers Hütte“. Dort entdeckte ich am linken Schilfgürtel einen majestätischen Silberreiher, der anscheinend auf der Suche nach einem schmackhaften Abendessen war. Ich verkniff es mir an diesem Tag, die Mannschaft auf das Tier aufmerksam zu machen. Denn ich wusste: Selbst das Drehen meines Kopfes konnte die Harmonie des Bootes stören. Außerdem sollte meine
Trainerin nicht auf die Idee kommen, ich könnte nicht ganz bei der Sache sein. Dabei funktioniert konzentriertes Rudern und gelegentliches Beobachten der Naturschönheit bei mir auch parallel recht gut. Es wechseln Zeiten, in denen ich die Umgebung registriere, mit solchen, in denen ich mich ganz und gar auf das Geschehen im Boot begrenze: Dann nehme ich nichts außer dem Ruderer vor mir wahr – das Aufdrehen und Setzen seiner Blätter, sein Abstoßen vom Stemmbrett sowie den Durchzug und die anschließende runde Bewegung der Hände bei der Schlagumkehr. Manchmal verstreichen Kilometer, auf denen ich dermaßen mit dem Rudern und „Einswerden“ meiner Mannschaft beschäftigt bin, dass ich mich darüber wundere, wenn urplötzlich ein bestimmtes Stromkilometerschild auftaucht.

Jetzt folgte der lange, gerade Streckenabschnitt bis zur Eisenbahnbrücke, über die der Moorexpress manchmal fährt. Dieser Teil der Hamme ist besonders breit: Der ideale Austragungsort unserer ersten Intervallstrecke. Jenny erhöhte die Schlagzahl auf sportliche 22 bis 24 Schläge pro Minute, denen wir bis zum Erreichen der Brücke mit ganzem Einsatz folgten. Das Klackern der Dollen wurde lauter, genau wie das Geräusch der Blades während des Durchziehens. Ab und zu spritzte Wasser auf uns traf mich am Körper oder im Gesicht. Kein Wunder bei unserem Krafteinsatz! Der Lohn dafür war die Beschleunigung. Wir arbeiteten intensiv am Endzug und Einsatz unserer Beinkraft am Stemmbrett. „Gut macht ihr das“, lobte uns Brigitte. Sie ist eine Frau mit reichlich Trainer- und Regatta-Erfahrung. Eine, die auf eigene Lorbeeren aus dem Profisport vergangener Jahrzehnte zurückblicken kann, ohne das jemals heraushängen zu lassen. Eine Ruderexpertin mit wachen Augen für Fehler oder Asynchronizitäten und sehr präzisen Kommandos, denen wir gerne folgen.

Die „Jochen Schink“ glitt weiter in Richtung der Teufelsmoorbrücke. Hier wird der Fluss wieder schmaler und kurviger. Wir reduzierten unseren Krafteinsatz und konzentrierten uns wieder auf die Verbesserung unserer Technik beim Aufdrehen und Setzen der Blätter. Es war absolut windstill und der Schweißfilm auf unserer Haut nahm sichtbar zu. Gut, dass die Plagegeister von Mücken bereits verschwunden sind, dachte ich zufrieden und registrierte auf Steuerbord die Reihe der letzten kleinen Motorboote, die an der Mole des Campingplatzes lagen. Bald würden auch sie verschwunden sein – genau wie das milde Wetter, das uns an diesem Tag noch in kurzer Kleidung rudern ließ. Ich mag die tuckernden, stinkenden Kleinboote nicht besonders. Doch ihre Rückkehr würde im nächsten Jahr die Sommersaison wieder einläuten. Darauf freute ich mich bereits an diesem Abend.

Hinter der engen Durchfahrt der Teufelsmoorbrücke, die wir mit angewinkelten Skulls passierten, folgte ein weiterer gerader Flussabschnitt, der bereits für das Zeitfahren über die Länge von einem Kilometer vorgemerkt war. Wir hörten Brigittes Kommando zum Start. Nach drei Schlägen, die wir zum Anschieben des Bootes nutzten, zog unsere Schlagfrau das Tempo an. Die „Jochen Schink“ schoss vor und überquerte die imaginäre Ziellinie nach vier Minuten und fünfzig Sekunden. Wir befanden uns am Stromkilometer 13,5 – dem Wendepunkt unserer Tour. Im Westen zog ein Schwarm Kraniche über die verträumte Moorlandschaft. Ihr trompetendes Rufen und ihre V-förmige Formation zog uns in ihren Bann. Was für ein Glück, dass wir gerade hier eine Pause machen konnten. Sieben schräg vor uns vorbeifliegende Schwäne sorgten für das nächste Naturschauspiel: Es war das Schwanenpaar mit den fünf grauen Jungschwänen, die wir in diesem Sommer auf der Hamme hatten aufwachsen sehen. Mir fiel spontan das Märchen „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein ein. „Wende über Backbord“, leitete Brigitte die zweite Halbzeit ein und bereitete meinen märchenhaften Gedanken ein Ende. Die Stille nach dem Wenden wurde von allen dankbar zum Trinken und Ausruhen genutzt. Wenige Minuten später nahmen wir wieder Fahrt auf, um einen Kilometer später anzuhalten und unsere Steuerfrau Brigitte gegen Katrin auszutauschen. Der Wechsel der Positionen erfolgte auf dem Wasser. Ein Spaß, den ich gemeinsam mit Christine, die hinter mir im Bug saß, verfolgen durfte: Das Wandern auf der dünnen Bordwand ließ die „Schink“ wanken und schwanken, was mir jedoch nicht das Geringste ausmachte, weil ich quasi auf dem Segelboot groß geworden bin, wo Kippelbewegungen – je nach Seegang – dazu gehörten. Nachdem die drahtige Katrin erfolgreich über Jenny geklettert war und auf dem Steuersitz Platz genommen hatte, machte sich Brigitte auf den Weg zum Ruderplatz drei und setzte sich auf den Rollsitz vor mir.

Noch nie zuvor hatte ich im Mannschaftsboot hinter unserer Trainerin gesessen. Mal gucken, was ich mir bei ihr abschauen kann, dachte ich und wartete entspannt, bis das Kommando zur Weiterfahrt ertönte. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen. Im Westen des Flusses verebbte langsam das letzte magisch schimmernde Licht in Farbschattierungen von Pink bis Dunkelorange, das jetzt Stück für Stück dem grauen Abendhimmel wich. Im Osten war der Mond längst aufgegangen – eine kupfergoldene, dickbäuchige Sichel. Bunte Blätter in Rotund Gelbnuancen schwammen auf dem schwarzgrauen Wasser und verliehen den Bäumen am Ufer schimmernde Glanzlichter. Der Herbst war angekommen.

Auf das Kommando „Alles vorwärts … und los!“, starteten wir die letzte Etappe unseres Rückwegs. Die neue Damenmannschaft mit Brigitte auf Ruderplatz drei legte los. Konzentriert und aufmerksam arbeiteten wir am Gleichklang unserer Bewegungen, der das Mannschaftsrudern so faszinierend macht. Kurz darauf gelang es uns bereits, im perfekten Rhythmus unserer Körper und Bewegungen zu rudern. Ein weiteres gerades Teilstück des Flusses lag vor uns – die Startbahn für unser nächstes Intervall. Unsere Schlagfrau zog unsere Mannschaft auf eine Schlagzahl von 24. Die „Schink“ glitt rasant über das dunkle Wasser. Um uns war es ganz still. Nur das Klackern der Dollen, das Geräusch der Blätter beim Durchzug und unser rhythmisches Atmen waren zu hören. Das Rudern in der Abenddämmerung hatte etwas Magisches, Konzentriertes und Kontemplatives. Nach unserem Spurt drosselten wir das Tempo und ließen unseren Atem wieder zur Ruhe finden. Ich entdeckte die zweite Schwanenfamilie dieses Sommers, die gerade ihren Abendausflug machte. Eine Familie mit drei Jungen. Sie zogen elegant und vollkommen lautlos an den Seerosenblättern vorbei. Ganz so, als würde der Wasserwiderstand ihnen nicht die geringste Mühe abverlangen. Im Gegensatz zu uns – allerdings kann es die Verdrängung eines Schwans auch nicht im Geringsten mit der eines Doppelvierers aufnehmen.

Die Konturen der Uferböschung waren fast schwarz, als wir unseren letzten Sprint absolviert hatten und am Pumpenhaus auf Steuerbord vorbeizogen. Nach fast fünfzehn Kilometern waren unsere Muskeln müde und unsere Konzentration erschöpft. Mein Geist hingegen war hellwach. Ich fühlte mich trotz aller Anstrengungen der letzten rund anderthalb Stunden erfrischt. Als wir am Steg anlegten, war es beinahe vollständig dunkel geworden. Nur in der Kurve, im äußersten Westen, hinter Tietjens Hütte, waren noch letzte orange-rote Fetzen des schwindenden Abendlichts erkennbar. Wahrscheinlich war dies die letzte Abendfahrt bei mildem Herbstwetter, die ich vor meinem Urlaub erleben durfte. Ich freute mich bereits auf die Regatta im November. Meine allererste, seitdem ich vor anderthalb Jahren mit dem Rudern begonnen hatte. Bis dahin würden wir noch viele Male gemeinsam trainieren. Ganz gleich, wie das Herbstwetter auch ausfallen würde: Wir würden durch bleigrauen Nebel, stürmischen Wind und Regen oder ruhiges, von der Sonne beschienenes Fahrwasser rudern. Wir würden weiter an unserer Rudertechnik arbeiten und an Kondition und Schnelligkeit gewinnen. Keine Anstrengung würde zu groß sein, um am vierten November auf der Alster zeigen zu können, was als Mannschaft in uns steckt!

 

Wiebke Gloe-Carstensen

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