Fari Cup 2017 – Ein Erlebnis in zwei Akten

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Erster Akt

Die Ruhe nach dem Sturm

Erlebnisse aus dem Herren-Vierer von Heiner Wenk

Geschafft.
Wir waren aufgeregt.
Gemächlich sind wir über die Außenalster und durch den Alsterkanal zum Start gerudert. Wunderbares Spätherbstwetter, angespanntes Schweigen im Boot, unser Vierer stellt etwa ein Promille der Teilnehmer an dieser großen Herbstregatta in Hamburg dar. Eine endlose Reihe von Booten auf dem Weg zum Start, auf den letzten paar Hundert Metern einsortieren in die Startreihenfolge.
Warten.

Dann: Eine Anlegemöglichkeit. Alle wollen doch noch mal austreten: Das ist die Aufregung.
Alle 30 Sekunden fährt ein Boot los.

Es geht los. Dreiviertel, halb, halb, dreiviertel, volle Länge. 10 Dicke. Dann: 24er Schlag. Lang durchziehen. Beinstoß.

Nach den ersten 200 Metern merke ich: Das halte ich nicht durch. Die Atmung ist schnell, das Herz rast.
Und dann kommt er doch, der Rhythmus, der Dauerleitungsmodus. Aerobe Glykolyse. Jetzt läuft es, ausatmen beim Endzug, ruhiges Vorrollen, das Boot läuft gut, die Steuerfrau treibt uns an, zeigt sich aber mit der Leistung einverstanden. Positive Verstärkung nennt man das.

Dann kommen die Trommler, die kennt man schon vom letzten Mal. Wir wissen hier: Bald ist der Alsterkanal zu Ende und wir kommen auf die Außenalster.

Dort sind Wind und Welle, das Boot läuft nicht mehr ganz so harmonisch, aber wir überholen sogar einen anderen Vierer. Wieder: Positive Verstärkung.
Das Ziel kündigt sich an: Lautsprecherdurchsagen, Lärm, Musik.

Ich kann nicht mehr,
aber ich kann doch noch. Die Kraft war gut eingeteilt.

Noch hundert Meter ins Ziel. Dann die Hupe. 18 Minuten und ein paar Zerquetschte.
Ohne Kraft unter der Kennedybrücke durch auf die Binnenalster. Die Wasserfontäne in der Wintersonne: Ein Gedicht. Fotos. Die Bebauung: Prachtvoll. Hapag-Lloyd – da ist auch Bremen drin, in Hamburg.
Wie gut man sich jetzt fühlt: Das ist die Ruhe nach dem Sturm.

Wir sind voller Endorphine, Adrenalin, Serotonin, Dopamin.
Früher waren immer die Endorphine schuld am Wohlbefinden. Heute weiß man: Die gelangen gar nicht bis ins Gehirn. Machen wohl nur periphere Schmerzstillung.

Also: Doch das Serotonin?
Oder der Rhythmus?
Oder neue Synapsen?
Oder Dopamin?

Es ist egal. Dauerleistung macht glücklich. Nicht nur uns:

Ratten und Mäuse laufen gerne. Experimente aus den Neunziger Jahren haben bewiesen, dass Ratten, bei denen man im Käfig das Laufrad blockiert hatte, in Intelligenztests schlechter abschnitten als Tiere, die sich im Laufrad austoben durften.
Sicherlich wissen das auch die Arbeitgeber.
Wenn sich das Hamsterrad jedes Jahr schneller drehen soll, dann ist das aus reiner Fürsorge: Sie möchten, dass es uns einfach besser geht.

Wir rudern zum Steg zurück, ein Bier, Siegerehrung, Boote verladen, nach Bremen zurück in den Alltag, nein: In den Sonntag. Die Ruhe genießen.

 

Zweiter Akt

Rennen mit Debütantinnen

Erlebnisse aus dem Damen-Vierer von Wiebke Gloe-Carstensen

Ein Novembersamstag wie aus dem Bilderbuch: Es ist 10.30 Uhr und an der Straße „An der Alster“ schließen sich die letzten Parklücken des kleinen, abgesperrten Bereichs mit Bootsanhängern. Einen Sattelplatz hatte ich ganz anders in Erinnerung. – Aber dafür sind wir in Hamburg! Im Südosten kämpft sich die Sonne durch den hanseatischen Hochnebel, der über der Binnenalster mit dem Wassernebel der Fontäne verschwimmt. Herrlich, wieder einmal in Hamburg zu sein – meiner alten Wahlheimat. Damals hatte ich noch keine Vorstellung vom Rudern, sondern nahm die Alster eher als regelmäßige Kulisse meiner Trainingsläufe wahr… und ärgerte mich gelegentlich darüber, wenn mir von einem transportierten Ruderboot der Weg abgeschnitten wurde. Heute ist die Perspektive eine andere.

Noch dreieinhalb Stunden bis zum Start. Die Stimmung rund um den RV-OSCH-Anhänger, der durch Familienangehörige und angebotene Snacks aller Art belebt wird, ist locker und herzlich. Routiniert werden die „Hedwig“ und die „Schink“ aufgeriggert, Rennprognosen abgegeben und Strategien innerhalb der Mannschaft durch das Coaching von Brigitte Haase gefestigt. Zusammen mit Christine Duddeck darf ich heute mein Regatta-Debüt hinlegen. Ein gutes Gefühl – gemeinsam mit den erfahrenen Ruderinnen Jenny Furken, Katrin Strehl und Elke Näwig als Steuerfrau! Wir haben hart trainiert, sind aufeinander eingeschworen und strahlend bester Laune. Unsere einzige Sorge ist die Gewissheit, mindestens eine Stunde vor dem Start in Barmbeck im Sammelbecken warten zu müssen – bei frischen 10 Grad und ohne jede Chance, noch einmal Panik-Pipi entsorgen zu können.

Der Herren-Vierer darf eine halbe Stunde vor uns auf die Alster und ist längst außer Sichtweite, als wir unter der Ägide von Elke in See stechen, um zur vorgeschriebenen Zeit den Startbereich zu erreichen. Noch verdecken diverse Lagen wärmender Kleidungsstücke unsere Mannschaftstrikots. Rund vier Kilometer bis zum Start liegen vor uns: Reichlich Zeit, um während des Warmruderns die atemberaubend schöne Kulisse aus Kennedybrücke, Kirchtürmen und der Elbphilharmonie samt urbaner Skyline zu bestaunen. Noch dürfen wir nach rechts und links schauen: Am Ufer lassen wir stattliche Alstervillen hinter uns und schlängeln uns von den breiteren Alster-Arterien hinter der Krugkoppelbrücke bis ins Kapillarsystem Barmbecks Richtung Sammelbecken. Es wird immer enger und die Dichte der Boote nimmt stetig zu. Ich bin heilfroh, in Steuerfrau Elke einen erfahrenen Vollprofi zu wissen, der uns sicher an allen Klippen vorbei steuern wird. Wir rudern ganz achtsam. Schließlich gilt unsere gesamte Muskelkraft dem bevorstehenden Rennen! Das langsame Rudern steigert meine Lust, später absolut alles zu geben, von Minute zu Minute. Der Adrenalin-Spiegel in unseren Adern schaukelt sich hoch. Doch es hilft alles nichts: Die Warterei bis zur erlösenden Start-Aufstellung zieht sich weiter hin.

Dann geht auf einmal alles ganz schnell: Das Startsignal ertönt. Blitzschnell schalten wir in den Startmodus und beschleunigen die „Hedwig“ auf mehr als 26 Schläge pro Minute, um wenig später ganz langsam auf unseren 24er Rennmodus runterzufahren. Unsere lange, synchrone Wasserarbeit und das langsame Vorrollen katapultieren unser Boot vorwärts. Das hinter uns gestartete Gig der Lübecker Frauen rückt außer Sichtweite. Auf einmal taucht neben mir die Gabelung der Außenalster auf. Ich kann es kaum glauben: Zwei Drittel der Strecke liegen bereits hinter uns! Die Mannschaft hat noch Reserven, das spüre ich genau. Auf einmal verwandelt sich das stille Wasser des Nebenarms auf der Außenalster in Kabbelwasser. Der Wind frischt auf und verlangt uns alles ab, was noch in uns steckt: Konzentration beim Blätterhochscheren und Setzen, unbändige Kraft beim Beinstoß und Endzug sowie jede Menge Lungenvolumen.

Plötzlich erreichen wir die Zielgerade: Wir erhöhen noch einmal die Schlagzahl. Unsere Steuerfrau und unser Ehrgeiz mobilisieren die letzten Reserven. Unsere Lungen und Muskeln brennen. Auf einmal höre ich die Stimme des Sprechers am Steg, die im Gebrüll zahlreicher Stimmen untergeht. Das müssen unsere Herren sein, die bereits“ die Ruhe nach dem Sturm“ am Steg genießen und zusammen mit Brigitte samt Begleitstab unserem Finale entgegenfiebern. Wir passieren die gelbe Boje. Die Hupe tönt. Was für ein Rennen! Das Ergebnis: 19:57 und ein respektabler vierter Platz in einer Startgruppe von acht Booten.

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